Immersionsmethode führt zu natürlicher Sprachkompetenz

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Hallet

In vielen Kindergärten und Schulen wird eine Fremdsprache als Umgebungssprache für vielfältige Aktivitäten genutzt und außerhalb des Fremdsprachenunterrichts in Sachfächern als Arbeitssprache verwendet. Das Verfahren, Inhalts- und Sprachenlernen zu integrieren, indem man eine Fremdsprache als Unterrichtssprache in Sachfächern verwendet, wird von der Europäischen Union nachdrücklich empfohlen. Eine Methode ist die Immersion (von englisch to immerse = eintauchen). Bei der Immersionsmethode ist der Kontakt zur Fremdsprache so intensiv und reichhaltig, dass man auch von einem »Sprachbad« spricht. Aber was sind die Vorteile von immersivem Sprachenlernen? Sind Immersionsprogramme für alle Schüler geeignet? Und wie können Eltern ihre Kinder beim Sprachen lernen am besten unterstützen? Wir haben Professor Dr. Wolfgang Hallet, der an der Universität Gießen Professor für Englisch als Fremdsprache ist und der vor kurzem die SIS Stuttgart-Fellbach besucht hat, befragt.

1) Herr Prof. Hallet, Sie haben vor kurzem eine SIS-Schule besucht. Was waren Ihre Eindrücke?
Ich habe ja nur ein paar Stunden an der Schule verbringen können, aber zwei Eindrücke sind bei mir besonders haften geblieben: Das eine ist eine spürbar gelebte Schulkultur, ein spirit, den offenbar alle in dieser Schule leben. Ich meine das daran ablesen zu können, dass die Schule keine Unterrichtsmaschine ist, sondern eine Gemeinschaft, die den Tag gemeinsam gestaltet. Am schönsten fand ich, dass das alles sehr zwanglos erschien, in Wirklichkeit aber auf klaren Regeln beruht, auf die sich alle beziehen können.

Der zweite Eindruck bezieht sich auf die natürliche Verwendung des Englischen und des Deutschen als Schulsprachen, auch in informellen Situationen mit spontanem Sprachwechsel und zwischen den Unterrichtsstunden bis hin zu einer nicht gut planbaren und normalerweise von Unsicherheiten geprägten Vertretungsstunde, in der die reguläre Deutschstunde kurzerhand durch eine Englischstunde ersetzt wurde. Da wurden die jungen Lernenden zwar spielerisch, aber dennoch anspruchsvoll in der Fremdsprache gefordert – natürlich durchgehend auf Englisch.

2) Wo sehen Sie die Vorteile eines immersiven Sprachenlernens im Vergleich zu »normalem« Fremdsprachenunterricht an der Schule? Wo liegen Herausforderungen?
Der große Vorteil, den ich auch in Fellbach sehen konnte, ist die Natürlichkeit, die die Anwendung der Fremdsprache durch den immersiven Gebrauch gewinnt. Zu dieser Natürlichkeit gehört auch, dass die Fremdsprache nicht nur im Unterricht quer durch alle Fächer benutzt wird, sondern den Schulalltag und das Schulleben durchzieht. Die Fremdsprache wird dadurch sowohl eine Sprache des Wissenserwerbs als auch eine Verkehrssprache im Schulalltag.

Da die Immersion allerdings zu guten Teilen mit dem mündlichen Sprachgebrauch verknüpft ist, muss man schon sehr früh und kontinuierlich sprachliche Modelle für den schriftlichen Sprachgebrauch anbieten. Für die Entwicklung des dazu erforderlichen verstehenden Lesens und sinnhaltigen Schreibens wäre – vor allem in den ersten Lernjahren – auch der Englischunterricht zuständig. Zudem kann es sein, dass sich, wie im deutschsprachigen Unterricht an Regelschulen auch, die Alltagssprache nicht so natürlich zu einer Bildungssprache entwickelt oder eventuell sogar stagniert. Die Aufgabe besteht also darin, die Fremdsprache systematisch zu einer Bildungssprache zu entwickeln, die auch die Bearbeitung anspruchsvoller Inhalte und Gegenstände in der Fremdsprache in den Sachfächern erlaubt.

3) Kommen die muttersprachlichen Kenntnisse und die Sachfachkenntnisse bei immersiven Programmen nicht zu kurz?
Im Grunde müssen für den fremdsprachigen Fachunterricht dieselben Standards und Anforderungen gelten wie für den deutschsprachigen Fachunterricht. Das halte ich auch für sehr gut möglich, weil die Fremdsprache ja über die Jahre hinweg die natürliche Sprache des erworbenen Wissens ist. Was die Schulsprache Deutsch angeht (die ja nicht für alle die Muttersprache ist), so muss das Wissen und Können tatsächlich in beiden Sprachen gleichermaßen hohen sprachlichen und fachlichen Ansprüchen genügen. Das ist der Kern der bilingualen schulischen Bildung.

4) Sind Immersionsprogramme für alle Schüler geeignet (z.B. Schüler nicht-deutscher Herkunft, lernschwache Schüler)?
Davon bin ich fest überzeugt. Es ist meines Erachtens sogar positiv, dass die Fremdsprache für alle Schülerinnen und Schüler eine gleiche Ausgangsbasis für das schulische Lernen bildet, unabhängig von ihrer Muttersprache. Und das Gebot der sprachlichen Förderung gilt ja bei sprachlichen oder bei Begabungsnachteilen auch für die Schulsprache Deutsch. Daher ist es so wichtig, dass sich der Sprachunterricht – ob in Deutsch oder Englisch – stets auch als Sprachförderunterricht versteht, und dass in den Sachfächern stets auch die sprachliche Dimension des fachlichen Lernens und des Wissenserwerbs mitgedacht und entwickelt wird.

5) Was sollten Eltern beachten, deren Kinder nach der Immersionsmethode unterrichtet werden?
Man kann bestimmt keinen allgemeinen Rat geben. Das Wichtigste ist aber vielleicht, dass die Eltern Vertrauen haben in die Lernfähigkeit ihrer Kinder und in den natürlichen Umgang mit der Fremdsprache, dass sie also nicht mit scheinbar nötigem Regellernen, mit Vokabelpauken oder gar mit Korrekturen intervenieren in dem Glauben, dass dann der Lernprozess optimiert wird. Das Gegenteil ist der Fall: Solche Interventionen führen zur Verunsicherung und im schlimmsten Fall zum Verlust der Freude an der Verwendung der Sprache. Als unbedingt wünschenswert würde ich zweierlei betrachten: Zum einen, dass die Eltern ihre Kinder zur lebensweltlichen Verwendung der Fremdsprache ermuntern. Damit meine ich die Bereitstellung fremdsprachiger Bilderbücher, das frühe Lesen von Comics und Erzählungen, aber auch das Anschauen (altersgemäßer) fremdsprachiger Filme. Nichts ist motivierender als die Erfahrung, dass man einen Film in der Originalversion verstehen kann. Ganz viele Schülerinnen und Schüler suchen diese Erfahrung übrigens von ganz alleine und sind im Internet auf Englisch unterwegs.

Zum anderen fände ich es schön, wenn die Eltern sich selbst auch als Mitglieder einer mehrsprachigen Schulgemeinschaft verstehen und ihre eigen sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten und Erfahrungen in vielfältiger Weise in das Schulleben einbringen und auf diese Weise die Mehrsprachigkeit selbst leben.

Literatur zum Thema:
Von Wolfgang Hallet stammen die folgenden Bücher zu den im Interview angesprochenen Fragen:

Didaktische Kompetenzen. Lehr- und Lernprozesse erfolgreich gestalten. Stuttgart: Klett, 2006.
Lernen fördern: Englisch. Kompetenzorientierter Unterricht in der Sekundarstufe I. Seelze: Klett Kallmeyer, 2011.
Genres im fremdsprachlichen und bilingualen Unterricht. Formen und Muster der sprachlichen Interaktion. Seelze: Klett Kallmeyer, 2016.