Ein Schachfeld aus Licht

Ein documenta-Kunstwerk

Während der Weltkunstausstellung documenta 14 in Kassel hat die kunstinteressierte Welt auf die nordhessische Metropole geblickt. Künstler und Gäste aus vielen Ländern kamen zu Besuch in die documenta Stadt. So ergab sich ein besonderes Flair, eine internationale Atmosphäre, die die Kasseler und Nordhessen alle fünf Jahre sehr begrüßen. Seit 1955 fasziniert die documenta die internationale Kunstwelt und prägt für 100 Tage das Stadtbild und das Leben in Kassel.

Das diesjährige Vermittlungsprogramm der documenta 14, »Eine Erfahrung«, bot mit seinem künstlerischen Ansatz ein didaktisch offenes, methodisch experimentelles und interdisziplinäres Arbeiten mit Kindern, Jugendlichen und Lehrkräften. Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5 der SIS Kassel besuchten einen Workshop zum Thema »Wie verändert sich die Stadt während der documenta?« Treffpunkt war das Narrowcast House, ein leerstehendes Ladenlokal, das für das d14 Vermittlungsprogramm in eine offene Radio- und Hörstation umgewandelt wurde. Wir waren eingeladen, die unterschiedlichen Rollen wie Einwohnerinnen und Einwohner, Besucherinnen und Besucher, Künstlerische Leitung, Geschäftsführung der documenta, Künstlerinnen und Künstler, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Journalistinnen und Journalisten einzunehmen, um die bestehenden Beziehungen zu untersuchen und alternative Modelle und Zukunftsvisionen für die Stadt und die documenta zu entwickeln. Die angeleiteten Workshops basierten auf den Methoden des Künstlers Anton Kats und wurden als Radiosendung aufgenommen. Eine abschließende Ausstellung präsentierte die Ergebnisse der 100 Schulworkshops.

Zurück im Schulalltag offenbarte die Abschlussreflexion, dass die Schülerinnen und Schüler insbesondere ein Kunstwerk in der Gottschalk-Halle in Erinnerung behalten hatten, das Schachspiel für Giganten in einer alten Industriehalle. Der Gottschalk-Halle auf dem Gelände der Universität Kassel droht der Abriss. Deshalb bespielten gleich mehrere Künstler das Fabrik-Gebäude aus den 50er-Jahren. Während nebenan hippe Büros entstanden sind, zeigte im Innern unter anderem der 1962 geborene Bili Bidjocka aus Kamerun seine Arbeit The Chess Society. In seiner für die documenta 14 produzierten Arbeit setzt sich Bidjocka mit dem Schachspiel auseinander und untersucht dieses als Objekt und Idee. »Er erzählt vom Wissen, das Schach – als Spiel wie als Philosophie – in den 1500 Jahren seiner Geschichte verkörpert hat, und von den Epistemologien, die es auf seinem Weg durch den indischen Subkontinent, Persien, Afrika und die arabische Welt bis nach Europa und Nord- und Südamerika brachte.« (Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, documenta 14: Daybook) In einem abgedunkelten Raum ließ er auf einer tiefschwarzen Wasserfläche ein gigantisches Schachspiel schweben. In Analogie zu demokratischen Wahlprozessen war es eine Zeit lang möglich, dass bei einer vorgegebenen Schachkonstellation Besucher im Laufe eines Tages einen Zettel mit dem nächsten Zug abgeben konnten. Am Abend wurde dann der Zug, der von den meisten Besuchern gewählt wurde, ausgeführt und am nächsten Tag ging das Spiel in der neuen Konstellation weiter.

Unsere faszinierten Schülerinnen und Schüler belagerten paarweise die rundherum zur Verfügung stehenden Schachspiele und vertieften sich erstaunlich angeregt in das Spiel. Ein Schüler schreibt: »Es war ein Schachfeld aus Licht...«

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